Schon einer meiner Professoren hat vor Jahrzehnten den Satz geprägt, „was man lernen will soll man lehren!“. Den Satz habe ich mir sehr zu Herzen genommen, ich habe darauf aufbauend meine berufliche Laufbahn entwickelt. Tatsache ist, dass man anders lernt, wenn man den Stoff an andere Menschen weitergeben will, als wenn man nur für sich selbst lernt. Lernen bedeutet ja nicht nur etwas zu lesen und auswendig zu lernen. Lernen sollte einen Prozess explorativen Verhaltens durchlaufen. Forschergeist, Assoziationen und laterale Ansätze sollten den Lernprozess bestimmen.
Reziprokes (wechselseitiges) Lernen setzt genau da an, wo nachhaltiges Verstehen beginnt: beim aktiven Austausch, dem gegenseitigen Erklären und dem echten Durchdringen der Materie.
Nichtwissen sollte in unbewusstes und bewusstes Wissen transformiert werden. Ihre Muttersprache entspricht bspw. unbewusstem Wissen oder Ihre Motorik des Treppensteigens entspricht ebenso unbewusstem Wissen. Beides erlernt der Mensch unbewusst. Reziprokes Lernen ist ein starker Treiber für unbewusstes Lernen. Viele Dinge werden so nebenbei gelernt, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden.
Der Satz „Von der Frage zur Antwort“ beschreibt im Grunde das klassische Prinzip des Lernens und Denkens, das beim reziproken Lernen ganz nebenbei abläuft:
Man startet gedanklich mit einem Zustand des Nichtwissens oder einem ungelösten Problem (der Frage), setzt sich im Austausch mit jemand anderem damit auseinander und gelangt schließlich zum Verstehen oder einer Lösung (der Antwort).
Bei dem unbewussten Lernen, wie es in der Karikatur dargestellt ist, passiert dieser Weg oft ganz spielerisch und ohne große Anstrengung, weil man sich im Dialog gegenseitig inspiriert – ähnlich wie das Erlernen der Muttersprache oder von Bewegungen, bei denen man nicht erst lange nachdenkt, sondern die Lösung (die Antwort) wie von selbst im Gehirn verankert wird. Schon die Bibel verkündete uns diese Weisheit: „Eisen wird mit Eisen geschärft, und ein Mensch schärft das Antlitz seines Nächsten.“ (Züricher Bibel, Sprüche 27:17)
Man kennt es zur Genüge: Sie setzen einen Termin für eine interne Weiterbildung an. Sie geben sich auch die beste Mühe, Ihren Mitarbeitern den abstrakten Stoff zu vermitteln, drei Tage später wissen alle noch: „Da war doch was!“
Erschlagen Sie nicht sieben Fliegen mit einem Schlag, aber mit einem Schlag zwei Fliegen: Reziprokes Lernen und Lehren!
Ein inzwischen anerkannter Ansatz wird durch reziprokes Lernen von Palincsar & Brown beschrieben. Sie gehen folgendermaßen vor:
Verfassen Sie ein Handout, dass in Text Form den Inhalt Ihres Trainings wieder gibt. Bitten Sie Ihre Mitarbeiter dieses Handout im Vorfeld des Weiterbildungstermins mindestens einmal durchzulesen. Während der Weiterbildung stehen Sie jetzt nicht die gesamte Zeit in der Bütt, nein, Sie dienen nur im ersten Durchgang als Modell der heutigen Weiterbildung. Diese Information geben Sie Ihren Mitarbeitern bekannt, das fördert die Konzentration. Der erste Durchgang:
1. Sie lesen den 1. Abschnitt Ihres Handouts gemeinsam durch.
2. Der Trainer (also Sie) stellt Fragen über die Hauptpunkte des gerade gelesenen 1. Abschnitts Ihres Handouts.
o Metakognition beschreibt das Denken über das Denken. Beispiel:
„Sie möchten zum TÜV um Ihr Fahrzeug prüfen zu lassen. Wenn Sie wissen, wie Sie da hinkommen, dann werden Sie sich ins Auto setzen und dort hinfahren. Wenn Sie nicht wissen wie Sie zum TÜV kommen, werden Sie die Adresse in Ihr Navi eingeben oder einen Stadtplan studieren.“
Sie durchdenken ein Verkaufsgespräch in einem inneren Dialog. Dabei begeben Sie sich auf die Metakommunikationsebene. Sie durchdenken alle potenziellen Reaktionen, Fragen und Argumente Ihres Kunden und trainieren Ihrerseits Strategien, Ihren Kunden zu überzeugen.
Eine weitere Analogie: Im Project Management Body of Knowledge (PmBok Guide) existiert für jedes Wissensgebiet (Personalmanagement, Terminmanagement…etc.) mindestens ein Managementprozess. Dieser Managementprozess wird auch als „Plan the Plan Prozess“ (Metaebene der Planung) bezeichnet. Es geht also nicht darum bspw. Termine zu planen sondern bspw. das Werkzeug zu eruieren, anhand dessen wir die Termine planen werden, bspw. MS Project.
Bezogen auf Ihre Weiterbildung, der Besprechung des 1. Abschnitts, fördern metakognitive Fragestellungen exploratives Vorgehen Ihrer Mitarbeiter. Exploratives Lernen erzeugt weitaus mehr Wissen, als reines Zuhören im Unterricht.
Der Trainer kann oder sollte begleitend Folien präsentieren, die i.d.R. nur Grafiken zeigen. Missbrauchen Sie PowerPoint nicht als Textprogramm. In 2 – 3 Sekunden sollten die Teilnehmer den Sinn der Grafik erfasst haben. Auch Ihre Grafiken sollten metakognitive Fragestellungen enthalten. Ausnahmen bilden Daten und Fakten, die grafisch nicht darstellbar sind.
3.Der Abschnitt wird zusammengefasst
4.Unklarheiten werden geklärt
5. Voraussagen über den Inhalt des kommenden Abschnitts
Der nächste Abschnitt wird genauso in fünf Schritten abgehandelt wie der erste Abschnitt, mit einem Unterschied: Sie sind jetzt nur noch für die Metaebene zuständig. Die operative Ebene übernimmt jetzt einer Ihrer Mitarbeiter. Neben den metakognitiven Anteilen, die Sie steuern sollen, kann aber auch auf Didaktik und Rhetorik für den aktuellen Moderator geachtet werden. Voraussetzung ist einerseits, dass Sie sich in der Lage fühlen, auf Didaktik und Rhetorik des Moderators Einfluss zu nehmen. Andererseits sollte der vermittelnde Stoff die Ressourcen Ihrer Mitarbeiter nicht zu intensiv beanspruchen. Falls dies der Fall ist, sollten Sie auf diese zusätzlichen Maßnahmen verzichten.
By the way: Sind Ihre Meetings langweilig und will jeder nur weg? Versuchen Sie mal ein reziprokes Meeting. Mit ein wenig Phantasie, kann man alle fünf Schritte des reziproken Lernens auf jedes Meeting projizieren. Dadurch dass Sie sehr strukturiert arbeiten, werden Sie wahrscheinlich mit der Zeit kürzere Durchlaufzeiten erreichen als bisher. Und welche Effekte Sie nicht unterschätzen sollten: